G’schäftskinder

Lea Putz-Erath
Job: Sozialarbeiterin, Betriebswirtin
Wohnort: Voralberg

Biografie:

Sozialarbeiterin, Betriebswirtin, seit 2017 Geschäftsführerin von femail FrauenInformationszentrum Vorarlberg

G’schäftskinder 1985 – Corona-Kinder 2020

Ich (Jahrgang 1980) bin groß geworden als sogenanntes „G’schäftskind“. Meine Eltern betrieben einen Familienbetrieb (Fleischerei, später auch Gastronomie). Familien-, Wohn- und Arbeitswelt verschwommen täglich ineinander. Ausdruck fand das z.B. durch den Spieletisch, der im Geschäft für uns Kinder aufgestellt wurde. Oder aber auch dadurch, dass nicht nur die Mama für uns da war, sondern nahezu die ganze Belegschaft des Familienbetriebs. Und natürlich inklusive Omas und Opa die im Großfamilienverband sehr präsent waren. Außerdem hat der Produktionsbetrieb der Fleischerei immer wieder als unterhaltsame Abwechslung im Kinderalltag hergehalten. Und wir Kinder wurden altersgemäß Schritt für Schritt in Arbeiten eingebunden.

Wir lernten im Geschäft laut und deutlich „Grüß Gott“ zu sagen. Wir verstanden schnell, dass wenn eine Kundin den Laden betritt, Mama gerade für uns keine Zeit hatte und wir mit unserem Anliegen (egal ob eine Frage zur Hausaufgabe oder die Bitte den Fernseher einschalten zu dürfen) noch etwas warten mussten. Und wenn Mama mal länger keine Zeit hatte (weil eben viele Kund:innen im Geschäft standen), dann waren meist noch andere Erwachsene da. Opa z.B. war perfekt für Fragen bei der Mathe-Hausübung.

Natürlich war das auch mal schwierig. Meine Eltern und ich, wir erinnern uns an Diskussionen und Konfrontationen: „Warum arbeitet ihr so viel? Wieso machen wir keine Ausflüge wie andere Familien? Warum muss ich jetzt warten?“ Doch schlussendlich war die versöhnliche Realität: „Auch wenn viel gearbeitet wird: Es ist immer jemand da.“

Warum ich das erzähle?

Weil ich in diesen Tagen der Corona-Krise sehr viel daran denken muss. Ich muss daran denken, wie ungeeignet die Kleinfamilie für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf beider Eltern ist. Ich muss daran denken, wie wichtig es ist, neben den Großeltern, die oft Betreuungsaufgaben übernehmen, im Sozialen Umfeld kreative Wege zu finden, die für Eltern Entlastung bringen und Kindern Vielfalt und Rücksichtnahme im Leben vermitteln. Ich muss daran denken, wie stark auch ich mit meiner eigenen Berufstätigkeit darauf angewiesen bin, dass meine Kinder in der Schule, im Kindergarten oder in der Nachmittagsbetreuung sind, weil meine Arbeit anders ist, als die meiner Mama. Wir sind es nicht gewohnt, dass Kinder bei Sitzungen stören. Wir sind es nicht gewohnt, konzentriert neben dem Spiel der Kinder zu arbeiten.

Mit dem Bild der „arbeitenden Familie“ bin ich auch in meine eigene Mutterschaft gegangen. Familie und Beruf wären durch Gleichzeitigkeiten, Parallelitäten und Organisation vereinbar dachte ich. Doch ich wurde rasch eines Besseren belehrt. Ich musste verstehen, dass ich für meine erlebte Normalität (Mama und Papa sind berufstätig) als Mutter andere Wege finden müsse. Der Weg der familienergänzenden Betreuung ist nun schon seit sechs Jahren unsere Normalität.

Und jetzt? In der Corona-Krise, wo plötzlich die Kindergärten und Schulen de facto geschlossen sind? Werden wir jetzt das Bild der „Corona-Kinder“ prägen? Das Bild, in dem viele Familien einen Weg der Gleichzeitigkeit finden müssen, weil Homeoffice und Homeschooling als adäquate Notfallstrategie auf eine Gesundheitskrise definiert werden musste. Ich sag’s ehrlich, bei uns zu Hause hat die Gleichzeitigkeit immer noch nicht funktioniert, auch nicht in der Krise. Zum Glück sind mein Mann und ich beide im Homeoffice und können mit strikter Tagesstruktur abwechselnd Schule, Freizeit und Arbeitszeit gestalten. Aber es ist anstrengend und bedeutet auch, dass wir abends arbeiten wenn die Kinder schlafen. Arbeiten neben den Kindern, so wie ich das als Kind erlebt habe, das funktioniert für uns immer noch nicht. Wer hierfür einen Tipp hat, bitte gerne! Denn eigentlich würde ich mir das für die Zeit NACH Corona wünschen: Eine Veränderung der Gesellschaft in der Kinder in der Arbeits-  = Erwachsenenwelt mehr Platz bekommen! Außerdem wünsche ich mir, dass wir nach der Zeit der familiären Vereinzelung das Vakuum nützen und kreative Ideen sprudeln, wie wir gemeinsam mit anderen Familien und Initiativen Familien- und Arbeitsleben besser vereinbaren können. Ich bin bereit hier was auszuprobieren, wer macht mit?

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